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Frühe Baugeschichte der Kirche zu Nieder-Ramstadt

Geheimnisse werden gelüftet, manche Frage bleibt offen

Dr. Hans-Hermann Reck, Bauhistoriker aus Wiesbaden, begleitet die Sanierung unserer Ortskirche, die durch die Entfernung des Aussenputzes manches Geheimnis preisgibt. In seinen bisherigen Untersuchungen zur Baugeschichte der Kirche kommt er zu Erkenntnissen, die nachfolgend in gekürzter Form wiedergegeben werden. Zum besseren Verständnis seiner Ausführungen sei auf den Bauerhaltplan verwiesen.

Vom mittelalterlichen Kirchenbau sind nur der Chor und die Sakristei erhalten, außerdem das kurze, rund einen Meter über die Südwand des Chors nach Süden hinausreichende Stück der alten Schiffsostwand. Der ursprünglich mit einer Flachdecke versehene Chor stammt wahrscheinlich aus dem späten 14. oder dem frühen 15. Jahrhundert. Sein heutiges Netzgewölbe erhielt er vermutlich zusammen mit einem neuen Dach, von dem nur das halbe Zeltdach über dem Chorschluss aus dem Jahr 1504 erhalten geblieben ist. Da aber der nicht mehr vorhandene Dachabschnitt über dem rechteckigen Teil des Chors zusammen mit dem halben Zeltdach gezimmert war, muss das ganze Dachwerk im Jahr 1504 neu erstellt worden sein. Stilistisch passt das Netzgewölbe gut in diese Zeit. Auch der nicht zum ursprünglichen Bestand des Chormauerwerks gehörende Chorbogen dürfte in dieser Zeit entstanden sein.

Die im westlichen Teil nach Norden verspringende Nordwand des Chors gehört zu dessen ursprünglicher Substanz, wie der jetzt freigelegte Mauerverband zeigt. Ein weiteres Ergebnis der Freilegung ist, dass die vorspringende Nordwand immer geschlossen war, es an dieser Stelle also keinen vermauerten Bogen zu einer ehemaligen Kapelle gibt. Der Anlass für den Versprung der Wand ist damit aber noch nicht geklärt.

 Von der Sakristei liegt bislang nur wenig Mauerwerk frei. Doch lässt sich schon hier erkennen, dass sich die Mauerstruktur grundsätzlich von derjenigen der im 17. Jahrhundert entstandenen Bauteile unterscheidet. Dies wie auch die Tatsache, dass die Trennwand zum Schiff annähernd die Flucht der Chornordwand nach Westen fortsetzt und erst westlich der Sakristei als im 17. Jahrhundert neu aufgeführte Außenwand des Schiffs nach Norden verspringt, darf als sicherer Beleg für die Entstehung der Sakristei vor dem frühen 17. Jahrhundert, sehr wahrscheinlich also im Mittelalter, gesehen werden.

Nach dem Abbruch des Schornsteins im südlichen Winkel zwischen Chor und Schiff zeigte sich, dass die Südwand des Chors zumindest im Fundamentbereich mit Fuge gegen die folglich ältere Ostwand des Schiffs gesetzt ist.

Innerhalb der Schiffsostwand zeigt eine glatte vertikale Fuge die mittelalterliche Südostecke des Schiffs an, mit einem nur noch an der Südseite vorspringenden Sockel ohne Werksteinabdeckung und mit ebenfalls im Süden aufliegendem Verputz.

Der eingreifende Um- bzw. Neubau der Kirche im frühen 17. Jahrhundert begann mit dem Turm. Nicht nur die jetzt im unteren Teil freiliegende Südseite mit dem nahtlos an die nachgotische Werksteineinfassung der Tür anschließenden Mauerwerk, sondern vor allem die von mir im Pfarrarchiv entdeckte Baurechnung für den Turmneubau im Jahr 1605, in der z. B. vom Ausmessen der Fundamente (für die Abrechnung des Maurers) und vom Aufführen des Turms "vom Grund auf bis zur Höhe" die Rede ist, belegen eindeutig, dass der Turm keine mittelalterliche Substanz mehr enthält. Den archivalischen Aussagen entsprechen die in allen Geschossen ganz einheitlichen Detailformen und auch die schon dendrochronologisch gewonnenen Daten zweier Rüsthölzer. Das Turmdach datiert hingegen in die frühen 1570er Jahre und muss deshalb vom Vorgänger übernommen worden sein, für den eine grundlegende Instandsetzung im Jahr 1572 überliefert ist. Dieser Aspekt soll von mir noch genauer untersucht werden.

Weshalb der mittelalterliche Turm 1605 nicht nur repariert, sondern vollständig ersetzt worden ist, konnte noch nicht geklärt werden. Ich vermute, dass er einer beträchtlichen Verlängerung des Schiffs im Wege stand. Hierzu könnten evtl. Erkenntnisse gewonnen werden, wenn im Rahmen der Innenrenovierung Bodeneingriffe erforderlich sein werden. Die Schrägstellung gegenüber der Kirche könnte aus "städtebaulichem" Anlass erfolgt sein.

Ebenfalls noch im Jahr 1605 ist das Dachwerk über dem rechteckigen Teil des Chors völlig neu gezimmert worden. Auch hier bleibt der Anlass unklar. Vielleicht enthielt das alte Dach einen kleinen Dachturm, der zu Schäden an der Konstruktion geführt hatte.

In den Jahren 1606 bis 1608 ist dann das Schiff weitgehend neu erbaut worden. Von dem vor Baubeginn vorhandenen Bestand sind nur die Nordwand im Bereich der Sakristei, der Chorbogen und das kurze Stück der Ostwand südlich des Chors erhalten geblieben. Die ganze Südwand - mitsamt den Anschlüssen an das alte Stück der Ostwand und an den Turm - und die Nordwand westlich der Sakristei - mit dem Anschluss an den Turm - wurden 1606/07 neu aufgeführt (das homogene Mauerwerk ist durch mehrere sehr charakteristische, über die ganze Länge durchlaufende Lagerfugen gekennzeichnet) und 1607 mit dem bis heute erhaltenen Dachwerk überdeckt.

Die späteren Veränderungen waren gegenüber dem weitgehenden Neubau im frühen 17. Jahrhundert marginal und sind im Einzelnen auch noch nicht erforscht und systematisiert.

Dr. Hans-Hermann Reck

 

Arbeitskreis Heimatgeschichte Mühltal

Einen ausgezeichneten Gesamt-Überblick über die Geschichte der Ortskirche Nieder-Ramstadt finden Sie auf der Homepage Arbeitskreis Heimatgeschichte Mühltal.

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