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Gemeindefahrt in das frühere Ostpreußen

Landschaftlich atemberaubend, historisch bedrückend, aktuell spannungsreich!

Seit meinem Dienstbeginn als Pfarrer erzählten mir Menschen immer wieder von Ostpreußen. Sie erzählten von blühenden Landschaften, großen Gütern und guten Ernten. Manchmal gab es – auf der Flucht gerettete - Bilder von Bauernhöfen oder Häusern in einer Stadt. Es gab auch Erzählungen von einer stark evangelischen Bevölkerung und gelebtem Glauben. Umso mehr freute ich mich, dass Peter Bender eine Reise nach Ostpreußen für unsere Kirchengemeinde ausgearbeitet hatte.

32 Personen machten sich auf den Weg. Erste Station war die Hauptstadt Litauens, Vilnius, mit ihrer beeindruckenden Altstadt, interessanten Kirchen und einer der ältesten Universitäten Europas. Über Kaunas erreichten wir Klaipeda (ehem. Memel), das direkt an der Kurischen Nehrung liegt. Der Blick von der Dachterrasse des Hotels über das Haff und die Kurische Nehrung bis hin zur Ostsee war einzigartig. Bei der Besichtigung des Marktplatzes mit dem Denkmal für „Ännchen von Tharau“ wird einem bewusst, dass Memel bis 1923 lange Zeit die östlichste deutsche Stadt war.

Während der nächsten Tage bereisen wir die Kurische Nehrung, die an ihrer schmalsten Stelle nur 380 m breit ist und das Haff von der Ostsee trennt. Landschaftlich ein Traum. Die beeindruckenden Dünen bieten atemberaubende Blicke auf Kurisches Haff und Ostsee. In Nida (ehem. Nidden) gehört es zum Pflichtprogramm, das Thomas-Mann Haus zu besichtigen und sich deutsche Geschichte zu vergegenwärtigen. Wir besuchen mit nicht weniger Interesse die wiederhergestellte Evang. Kirche mit der heute kleinen protestantischen Gemeinde. Im Gottesdienst trägt der lutherische Pfarrer ein weißes Ornat und lädt uns zum Abendmahl. 40 Menschen gehören zu seiner Gemeinde, in ganz Litauen gibt es etwa 20.000 evangelische Christen. Die Kirche wurde erst 1990 von der russischen Besatzung zurückgegeben und bis heute ist die kleine Gemeinde dabei, ihre Kirche zu sanieren. Die Holzkreuze auf dem angrenzenden Friedhof zeugen mit ihren deutschen Namen von einer anderen Zeit.

Die Sommersonnenwende wird in Nida mit großem Aufwand gefeiert. Volkstanz und Gesang spielen eine wichtige Rolle, während das Kurische Haff schweigend zuhört. Wir überqueren die Grenze in die russische Exklave Kaliningrad (ehem. Königsberg), für die schon Wochen zuvor ein Visum beantragt werden musste. Und tauchen wirklich in eine andere Welt ein. Die Schilder in russischen Schriftzeichen, nur wenige Menschen, die englisch sprechen. Die Währung: „Rubelchen“. Die Felder unbestellt. Angst vor der NATO. In Litauen war es die Angst vor den Russen.

Ein Elch begrüßt uns und die erste Vogelwarte der Welt (Rybatschi, ehem. Rositten), die ein Pfarrer und leidenschaftlicher Ornithologe im Jahr 1901 begründet hat, um die Wege der Zugvögel zu erforschen. Im 1944/45 stark zerstörten Königsberg begegnet uns wieder mit aller Macht das Ende des zweiten Weltkriegs. Wir denken an die Menschen, die auf beiden Seiten der Front gestorben sind. Im Hafen von Pillau (heute: Baltijsk) erinnern wir uns an die ca. 2.600.000 Flüchtlinge, die von dort und von anderen Häfen innerhalb von 115 Tagen in den Westen gebracht worden sind. Im wiederaufgebauten Dom von Königsberg dürfen wir in der Seitenkapelle eine Andacht halten und gedenken der vielen Kinder, die versucht haben, am Ende des Kriegs ohne Eltern irgendwie in der zerstörten Stadt zu überleben.

Wir freuen uns darüber, dass Kirchen wieder geöffnet sind und besucht werden, denn das war während der Sowjetzeit verboten. Am Platz des Sieges steht seit 2006 die beeindruckende russisch-orthodoxe Christ-Erlöser Kathedrale. Daneben eine eigene Taufkirche. Ist Glaube – entgegen aller soziologischen Prognosen und philosophischen Postulate - doch unausrottbar? Die Ursache allen Übels wird uns schnell deutlich, als wir die riesigen, ausgestreckt nach Hilfe ringenden Hände am Denkmal für die jüdischen Frauen im Seebad Palmnicken (heute: Jantarny) entdecken. Etwa 3000 jüdische Frauen wurden am Ende des Krieges in die eiskalte Ostsee getrieben und erschossen. Unfassbar. Auch die Kommandozentrale Adolf Hitlers, die Wolfsschanze, die wir in Polen sehen, ein Ort des betonierten Grauens. Wir gedachten Klaus Schenk, Graf von Staufenberg, dessen Attentat in der Wolfsschanze am 20.7.1944 das Ziel hatte, den Krieg zu beenden und unzählige Menschenleben zu retten.

Masuren mit seinen mehr als 3000 Seen brachte uns wieder auf andere Gedanken. Eine Stakenfahrt auf dem schönen Flüsschen Kruttynia beruhigte die Seele. Angetan waren wir auch von schön sanierten Städten und Kirchen, wurden vom evang. Pfarrer in Lötzen (heute: Giżycko) über die Gemeindesituation informiert.

Über Allenstein (heute: Olsztyn) geht es zur Marienburg im heutigen Malbork. Diese mächtige Backsteinfestung war einstmals Sitz des Deutschen Ritterordens, was man ihr noch anseiht. Schließlich kommen wir nach Danzig (heute: Gdańsk)und wohnen in der Nähe der wiederaufgebauten Altstadt. Grünes und Goldenes Tor beeindrucken wie auch eine der größte Hallenkirchen der Welt, die Marienkirche. Und immer wieder spielt Bernstein eine Rolle. An der Küste der Ostsee und in so vielen Geschäften. Mit der „Black Pearl“ fahren wir zum Ausgangspunkt des Zweiten Weltkriegs, der Westernplatte. Wie friedlich das Waldstück aussieht, wenn nicht geschossen wird.

Selig sind, die Frieden stiften, fordert uns Jeus auf. Hätten wir nur auf ihn gehört.

Ihr/Euer Pfarrer Christoph Mohr

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