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Das Ende der Zeit

Christian Klischat spielt in Nieder-Ramstadt die Offenbarung des Johannes

Zögerlich, ganz zögerlich flackert der Applaus auf, so beeindruckt ist das Publikum in der evangelischen Kirche in Nieder-Ramstadt. Lange hält er an, dann tritt wieder Stille ein wie während des gesamten Stücks. Keiner will so recht gehen, ist geradezu überwältigt von Christian Klischats eindringlichem Monolog „Das Ende der Zeit - Die Offenbarung des Johannes“. Auf Einladung der Stiftung Segensreich der Evangelischen Kirchengemeinde Nieder-Ramstadt gestaltete der Schauspieler am Staatstheater Darmstadt mit seinem Theatersolo eine Passionsandacht.

Schwarz gekleidet mit Hut und abgewetzten Schuhen, fast schüchtern, stellt er sich als „Johannes, euer Bruder“, vor. Auf Patmos wird der vom Auferstandenen gerufen: „Wer Ohren hat, der höre, schreib auf, was du siehst.“ Wortgewaltig beschreibt er seine erste Vision vom Thron im Himmel. Die Texteinrichtung stammt von Drehbuchautor und Redakteur Götz Brandt, der auch Regie geführt hat. Ehrfurchtsvoll spricht Klischats Johannes vom Lamm, das allein würdig ist, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen. Dramatisch das Untergangsszenario, das er mit jedem zebrochenen Siegel mehr entwirft. In Rage redet sich Klischat regelrecht, als „die Erde bebt und die Sonne sich verdunkelt, der Mond wie Blut.“ Reiche und Sklaven zittern vor dem Zorn des Lamms.

Die Zerstörung geht weiter, wenn die Engel die sieben Posaunen blasen. Klischat bläst den Text nur so aus sich heraus, hält die Zuschauer in Atem. Die klare Sprache des begnadeten Mimen, sein authentisches Durchleben des biblischen Stoffes, die Klaviatur der Emotionen, die er bei karger Kulisse ausspielt, berühren, ja bedrängen. Als ob ihn selbst die Schwere der Materie niederdrückt, spricht er gestützt auf einen Tisch weiter, fast gequält erzählt er wie Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, auf die Erde geschleudert werden, und der Engel des Abgrunds die Menschen quält.

Bei der Vision von der Schwangeren und dem Drachen, der nach ihrem Kind trachtet, läuft er wie getrieben hinters Kreuz, springt auf die Chorbank und löst so kurz die Spannung - bei sich und beim Publikum. Und baut sie wieder auf, als er die sieben Engel ihre sieben goldenen Schalen „voll des Zorns Gottes“ ausschütten lässt. Nahtlos folgt die Vision der Hure Babylon, an der sich Klischat sprachlich noch einmal abarbeitet, bevor er endlich das „neue Jerusalem“ verkündet - nach der Hölle die Herrlichkeit: „Gott hat sein Zelt aufgebaut unter den Menschen, und er wird die Tränen aus ihren Augen wischen“. Ergriffen steht er da, Tränen rollen über seine Wangen.

Neben der starken Wirkung der Bilder des apokalyptischen letzten Buches der Bibel bleibt auch das Erstaunen darüber, wie souverän der Künstler diese Textfülle präsentiert. Insgesamt hat sich Christian Klischat, der zur kommenden Saison das Staatstheater Darmstadt verlässt, ein Repertoire von neun Solostücken erarbeitet, darunter Judas, Luther, Schinderhannes und Frankenstein.

Rebecca Keller

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